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Die Mega-Machos von Angkor Thom

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Roland Hanewald | Fotos: Jörg Eschenfelder

Sie bewachen, vieltonnenschwer, die Eingänge zu einer der ältesten Ruinenstädte Südostasiens. Angkor Thom im heutigen Kambodscha entstand im 12. Jahrhundert als Erweiterung der riesigen Tempelanlage von Angkor, deren Bau schon dreihundert Jahre früher begonnen hatte. Umgeben von einem acht Meter hohen und zwölf Kilometer langen Wall sowie einem 100 Meter breiten Festungsgraben bildet Angkor Thom immer noch einen gewaltigen Komplex, dessen Erkundung sich nicht in Stunden, sondern eher in Tagen bewältigen lässt.

 

Vier Brücken, eine pro Himmelsrichtung, führen über den Graben in das Ruinenfeld, und die respektiven Tore werden behütet von je 54 Götter- und Dämonenstatuen, die als Träger einer kolossalen Naga-Schlange der berühmten Khmer-Legende »Das Quirlen des Milch-Ozeans«, dargestellt auf Fresken im Haupttempel Angkor Wat, entlehnt sind.

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Für die überlebensgroßen Figuren müssen reale Menschen der damaligen Zeit Modell gestanden haben, nämlich die Brechmänner, welche die unirdisch anmutenden Bauwerke von Angkor (und nicht zuletzt die riesenhaften Statuen selbst) mit schierem Muskelschmalz in die Welt gesetzt hatten. Die Touristen auf den Brücken, namentlich die Frauen, sind beim Betrachten der schweigenden Mega-Machos oft in tiefen Gedanken versunken. Man hat das Empfinden, sie, die Jetztzeitler, hegten den geheimen Wunsch, dass die wadlstrotzenden Figuren noch einmal zum Leben erwachen würden, und wenn man sich gezielt danach erkundigt, werden die meisten diese Frage auch bejahen.

Zwar haben der Zahn der Jahrhunderte und ein teuflisches Klima an den Steinmännern genagt und manche zu grotesken Fratzenträgern verstümmelt. Doch generell ist ihnen allen eine ehrfurchtgebietende maskuline Würde zu eigen, eine durch den Stein schimmernde erotische Aura und eine trotz halb geschlossener Augen unverkennbare hochmütige Selbstzufriedenheit mit der an den Tag gelegten Kraft. Alles zusammengenommen strahlen die Kolosse ein Fluidum unergründlicher Überlegenheit aus, die wohl das Privileg von Göttern und Dämonen ist, und die den heutigen Betrachter unweigerlich als Mysterium in ihren Bann schlägt. Was für Existenzen mögen die Riesenkerle seinerzeit geführt haben?

Kriege, Folter und Tempelkonkubinen

Angesichts aktueller Geschehnisse stellt sich auch die Frage, was für Mutationen die Bevölkerung dieses geheimnisumwitterten Landes im Lauf der Jahrhunderte durchgemacht haben muss, um Menschentypen hervorzubringen, die sich von den damaligen so diametral unterscheiden. Vor Gericht stehen in der jetzigen Zeit die Verantwortlichen für die wahnwitzige Schreckensherrschaft der Roten Khmer in den Jahren 1975 bis 1979, und sie sehen so ganz anders aus als die Mega-Machos von Angkor Thom. Sie sind Figuren von Würstchenformat, biedere Spießertypen, fromme Heuchler, schlaffe Jammerlappen.angkor02

Aber waren die still und steinern vor sich hinträumenden Adonisse bessere Menschen? Manche Beobachter interpretieren ihr Mona Lisa-Lächeln als »eisig« und ziehen damit Rückschlüsse auf das Innenleben der Protagonisten, das sich womöglich wenig von den gewissenlosen »Wir-haben-doch-nur-auf-Befehl-gehandelt«-Typen der Neuzeit unterscheidet. Vielleicht waren sie noch viel schlimmere Finger.

Auf den großen Flachreliefs von Angkor Thom, die sich über 1.200 Meter hinziehen und mit mehr als 11.000 Figuren das Leben im 12. Jahrhundert depiktieren, findet man nicht nur Darstellungen zahmer Alltagssituationen wie das Gebären von Kindern, das Anrichten von Mahlzeiten oder die Jagd nach Kopfläusen. Es gibt auch explizite Folterszenen, in denen gefangene Feinde (die damaligen Khmer waren ständig in Kriege mit ihren Nachbarn verstrickt, namentlich den Cham im heutigen Vietnam) gevierteilt, gepfählt, zu Tode geprügelt oder den seinerzeit überaus häufigen Krokodilen zum Fraß vorgeworfen wurden. Dazu vollführten nackte Tempelkonkubinen wollüstige Tänze vor den gequälten Opfern. Und alles wurde getreulich in Stein gemeißelt, wie in einem Bilderbuch.

Das Ganze trug sich zu in einer der am höchsten entwickelten Kulturen, die unsere Erde je sah. Diese Erkenntnis macht betroffen. Wenn solche Exzesse in einer Hochkultur gedeihen konnten und sich einige hundert Jahre später am gleichen Ort wiederholten - ja, gibt es dann überhaupt noch eine Gesellschaft, in der solche grausigen Vorgänge gänzlich auszuschließen wären?

Last Updated ( Thursday, 01 April 2010 10:59 )  

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