Die Reise beginnt 1962. Es ging beruflich für drei Jahre ins tropische Paradies. Damals dauerte die Reise von Deutschland nach Singapur noch 24 Stunden. Erst über mehrere Zwischenstopps, wie Beirut, Teheran, Karachi und Kalkutta, erreichte man den damals noch 580 Quadratmeter großen Inselstaat mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern. Drei Jahre sollte Dieter Gumpert im Auftrag eines Hamburger Handelshauses in der Löwenstadt bleiben. Daraus wurden inzwischen 48 Jahre. In dieser Zeit rang Singapur dem Meer weitere 130 Quadratmeter Land ab und seine Einwohnerzahl stieg auf 4,9 Millionen.
1962 war Singapur noch britische Kronkolonie mit interner Selbstregierung. Ganze 50 deutsche Familien lebten hier. Man wohnte für bescheidene 350 Singapur Dollar monatlich, teilte sich die Wohnung mit zwei oder drei weiteren Junggesellen und sein Auto konnte man noch überall abstellen. Sogar an der Orchard Road!
Kommuniziert wurde mit Deutschland noch über das altbewährte Funkgerät. Doch dazu blieb wenig Zeit. Die Arbeit spannte einen ein. Seit der Unabhängigkeit 1965 formierte sich das Land unter Lee Kuan Yew neu und befand sich in einer einzigen Aufbruchstimmung. Von Urlaub war erst recht nicht die Rede. »Selbst als es 1964 Rassenunruhen und eine Ausgangssperre gab, hatte man bei der Arbeit zu erscheinen«, erinnert sich Dieter Gumpert.Heiraten war ebenfalls nicht so einfach möglich. Dies war aufgrund der damals unkalkulierbaren finanziellen Lage im Arbeitsvertrag untersagt. Das lockerte sich erst später.
»Vieles war äußerst gewöhnungsbedürftig und gleichzeitig spannend mitzuerleben«, resümiert Dieter Gumpert.
Singapur wird unabhängig
1959 durften die Singapurer erstmals eine eigene Volksvertretung wählen. Die Wahlen gewann die People´s Action Party (PAP) unter Führung des damals jungen Cambridge Absolventen Lee Kuan Yew. Vier Jahre später schlossen sich Singapur, Malaya, Sabah und Sarawak zur Malaysischen Föderation zusammen. 1965 wurde Singapur - eher unfreiwillig - zu einer unabhängigen Republik.
Ein Schock. Denn wie sollte der kleine Staat wirtschaftlich überleben? 1967 kündigten zudem die Briten den Abzug aller Truppen an und verließen Singapur schließlich 1971. »Im Lande herrschte eine beunruhigende und ungewisse Stimmung. Man rätselte, ob dies nun den Untergang für Singapur bedeuten sollte«, erinnert sich Dieter Gumpert. Doch die Unsicherheit verflog schnell. Durch die einsetzende Industrialisierung erlebte Singapur kurz darauf seinen wirtschaftlichen Aufschwung.

Fleißigkeit und Aufbau
Das Stadtbild ist auch heute noch stark von Baustellen geprägt. Überall wird gebohrt und gehämmert. Singapur ist stets im Aufbau und noch lange nicht fertiggestellt! Man sieht schwitzende Inder, Malaien oder andere Gastarbeiter, die in Staubwolken unter der glühenden Sonne ihre Arbeit verrichten.
Zum Aufbau Singapurs und der schnellen Entwicklung trugen früher auch sogenannte Samsui Frauen bei. Sie stammten meist aus der Region Sanshui in Süd-China und kamen bereits 1920 als Arbeiterinnen hier her. Die Samsui Frauen heirateten nie, arbeiteten stattdessen hart und lebten in engen Wohngemeinschaften zusammen. Ihr Schuhwerk bestand meist aus alten Autoreifen - und überhaupt waren sie im härtesten Gewerbe tätig. In Mienenwerken, bei der Gummiverarbeitung und auf dem Bau waren die Frauen mit ihren roten Kappen als Markenzeichen fleißig zu Gange.
Daneben war die Gummiaufbereitung eine der Spezialitäten Singapurs. Kaufleute führten den mehr oder weniger verschmutzten Kautschuk aus Malaysia ein, um ihn von Unreinheiten zu befreien und dann nach Europa und Amerika zu exportieren. Deshalb war das Straßen- und Hafenbild in den 1960ern besonders von Männern mit schweren Gummiballen auf den Schultern, geprägt. Auch Lastwagen transportierten das Gummi quer durch die Stadt. »Wobei es ziemlich belustigend war, wenn eines oder mehrere dieser Gummis vom Laster fielen, und noch meterweit auf der Straße herumsprangen«, erzählt Gumpert.
Das Stadtbild im Wandel
Eine gern unternommene Freizeitbeschäftigung, die es auch heute noch gibt, war »Ins Kino gehen«. Fernsehen wurde erst 1963 eingeführt. So konnte man zum Beispiel seine Englischkenntnisse verbessern und sich vom schwülen Klima abkühlen. Einen Unterschied gibt es aber doch: Damals erklang nach der Vorführung noch die Nationalhymne.
Das alltägliche Straßenbild war geprägt von eng aufeinander gedrängten multikulturellen Menschenmengen, vielen unterschiedlichen Sprachen - die man kaum identifizieren konnte -, bunten, interessanten Straßengassen und Stadtvierteln. Eines davon findet man heute noch: Chinatown.
Früh genug musste man sich zum Erkunden auf den Weg machen, um die Besonderheiten zu entdecken: Man ließ sich vom Geruch exotischer Früchte locken oder stolperte über das eher ungewöhnliche Bild eines Schlangenenthäuters. Weiter drin entdeckte man ganze Menschenmassen um den sogenannten »Letter Writer«. Da es damals noch viele Analphabeten gab, etablierte sich der Beruf des Briefeschreibers. Ein Beruf, den die Menschen sicherlich persönlich sehr hoch schätzten, so las er ihnen doch ihre aus der Heimat stammenden privaten Briefe vor. Auf Wunsch pinselte er auch ihre Antworten auf Papier. Noch heute findet man vereinzelt sogenannte Helfer, allerdings eher zur Unterstützung beim Ausfüllen komplizierter Formulare.
Zum Chinesischen Neujahr durfte man damals noch Feuerwerkskörper verwenden. Dies wurde mit dem modernen Wohnungsbau allerdings schnell verboten. »Zu oft flogen Feuerwerkskörper in andere Etagen, die einen Brand oder Schlimmeres verursachten«, erinnert sich Gumpert.
In der Zwischenzeit wurden viele Gebäude abgerissen und neu errichtet. Und das nicht nur einmal! Das Stadtbild um die Orchard Road oder Chinatown ist kaum wiederzuerkennen. Ebenso die neu hochgezogene Skyline entlang der Küste demonstriert Singapurs Aufstieg und Modernisierung. Aber auch das koloniale Erbe ist Singapur geblieben, weshalb es heute eine gute Mischung aus Geschichte, Gegenwart und Zukunft ist.
Die Deutsche Community
Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die deutsche Gemeinschaft in den 1950er Jahren neu und erwarb in der First Avenue für rund 75.000 Singapur Dollar ein »Deutsches Haus«. Schon damals wurde viel gefeiert. Sei es das Christmas Dinner, das Oktoberfest oder der Karneval. Man brauchte keine Kapelle aus Deutschland zu importieren, denn die Kapelle der Britischen Luftwaffe in Singapur, die »Far East Air Force Dixilanders«, brachte die richtige Stimmung. Manchmal wurde es den Nachbarn ein wenig zu laut und führte zu Beschwerden: »That drunken after the party singers are not appreciated when you are trying to sleep.«
Es wurde aber nicht nur gefeiert, sondern auch fleißig gepaukt, zumindest von den Kindern. 1971 wurde der Grundstein für die Deutsche Schule (heute German European School) gelegt mit sechs Schülern und einer Lehrerin.






