„Das Höchste, was man Gott geben kann, ist der Schmerz“, heißt es bei den Hindus, die das Thaipusam-Fest auch „Fest der Schmerzen“ nennen. Gleichzeitig ist es ein Tag für Gebete und Dankesfest für erfüllte Wünsche, weil Lord Murugan, der Hindu-Gott Subramaniam (Sohn von Shiva und Parvathi), ein „Wunscherfüller“ ist. Diese über 2000 Jahre alte Fest wird von tamilischen Hindus gefeiert, wenn im Monat Thai, dem zehnten des hinduistischen Kalenders, der Stern Pusam seine höchste Position erreicht hat und gleichzeitig Vollmond ist: dieses Jahr am 8. Februar. Pia vom Dorp hatte das Fest, das in Singapur besonders spektakulär gefeiert wird, vergangenes Jahr erstsmals besucht.
Die Feierlichkeit begann im Tempel Sri Srinivasa Perumal in Little India im Zentrum von Singapur. Die 12.000 „Devotees“ (die sich Hingebenden) liefen während der Prozession knapp fünf Kilometer durch die Hitze zum Sri Thandayuthapani Tempel, in dem sich ein Lord Murugan gewidmeter Schrein befindet.
Aufpacken im Morgengrauen
In den frühen Morgenstunden begannen die Vorbereitungen hinter dem Sri Srinivasa Perumal-Tempel. Hier wurden die bis zu 60 Kilogramm schweren Kavadis, Metallbögen und Gestelle, den meist jungen, männlichen Devotees auf die Schultern geschnallt. Sie sind kunstvoll dekoriert und mit den Attributen des Gottes geschmückt (Pfauenfedern, Speeren, Blumen, Götterbildern), ausladend breit und im oberen Teil beweglich, sodass die ganze Krone wippt und schwingt, wenn die Devotees tanzen. Von ihren Familien umringt und unterstützt, stehen die Devotees mit nackten Oberkörpern und safrangelben weiten Hosen barfuß und unbeweglich während der langen Prozedur des Anlegens. Durch langes Fasten, Askese (sechs Wochen lang kein Alkohol, Sex, Fleisch und nur einmal am Tag Essen) und Gebete befinden sie sich in Trance, sind abwesend, aber noch ansprechbar.Von ihren Familienmitgliedern lassen sie sich nicht nur die schweren Kavadis aufsetzen, die mit Metallspeichen tief in der Haut des Rückens und der Brust befestigt werden, sondern auch Wangen, Lippen und Zunge mit schmalen oder erschreckend dicken Spiessen (sinnbildlich für Lord Murugans Speer) durchbohren. Metallhaken werden in Rücken, Brust, Arme und Beine gebohrt, daran Limonen und kleine symbolische Milchtöpfe befestigt, beides Symbole der Reinigung. Fast kein Blut tritt aus. Auf Nachfrage wird mir das immer wieder mit dem Zustand der Trance erklärt.
Trommeln, Rasseln und Flötenklänge
Den ganzen Weg der Prozession werden die Devotees von ihren Verwandten begleitet, gestützt und angefeuert. Sie bekommen Wasser in den Mund gespritzt (man kann mit durchbohrter Zunge ja nicht schlucken) und die Familien singen, tanzen und klatschen. Musiker begleiten mit Trommeln, Rasseln und Schlangenbeschwörerflöten die Prozession und motivieren die Devotees zum Tanzen und Drehen.Eine sehr fremde und wahnsinnig laute Geräuschkulisse betäubt die Sinne und die vielen, vielen Räucherstäbchen und Rauchopfer verschlagen einem den Atem.
Entspannt und glücklich
Abends war ich dann im Sri Thandayuthapani Tempel, dem Ziel der Prozession. Staunend sah ich, wie die Devotees kurz vor dem Ende ihres langen Weges auch nach vielen, vielen Stunden in schwülen 33 Grad Celsius (gefühlten 41!) noch tanzten – völlig entrückt. Die wenigsten zeigten die erwarteten Zeichen totaler Erschöpfung, im Gegenteil.Am tiefsten hat mich jedoch ein etwa 70jähriger Hindu beeindruckt, der die ganze Strecke zügigen Schrittes, auf einen Stock gestützt, auf Sandalen mit Nagelfußbett gewandert ist.
Nach dem Gang durch den Tempel, wo die Devotees über der Statue des Lord Murugan Milch ausschütteten, wurden sie dann in der „Kadavi Demantling Area“ von ihrer Last und ihren Schmerzen erlöst und gefeiert. Die Wunden wurden sofort nach dem Entfernen der Haken und Spiesse und Stangen mit Asche bestrichen. Auch hier von Blut keine Spur – nur entspannte und glückliche Gesichter.
Pia vom Dorp
Foto: Uwe Steffens






